Gastbeitrag von Julia Otto
„Wie besonders manche Momente sind, merkt man manchmal erst Jahre später.“ Mit diesem Satz begann Pfarrer Thomas Göhring aus Oechsen seine Gastpredigt im Abendgottesdienst in der Amalienkirche Immelborn.
Was zunächst wie eine persönliche Erinnerung klang, wurde zu einer Predigt über Sehnsucht, Gemeinschaft und die Frage, wo Menschen Gott auf ihrem Lebensweg begegnen.
Rund 75 Besucherinnen und Besucher aus verschiedenen Gemeinden des Kirchenkreises feierten den Sommergottesdienst unter dem Motto „Unterwegs mit Gott“.
Zu Beginn erklang David Bowies „Space Oddity“ in einer Liveaufnahme aus dem Jahr 1997. Daran knüpfte Thomas Göhring mit einer persönlichen Geschichte an: Zwischen 1997 und 2004 besuchte er insgesamt 17 Konzerte des britischen Musikers und reiste dafür quer durch Europa. Dabei entstanden Freundschaften mit Menschen, die er auf den Tourneen immer wieder traf.
„Ich war mit David Bowie unterwegs“, sagte der Pfarrer. Nicht nur die Musik habe ihn bewegt, sondern auch die Gemeinschaft, die Vorfreude und das gemeinsame Warten auf einen besonderen Augenblick.
„Manches daran erinnert tatsächlich an einen Gottesdienst. Menschen brechen auf. Sie versammeln sich. Sie warten. Sie hören Worte und Musik. Sie singen gemeinsam. Sie erleben etwas, das sie nicht selbst herstellen können. Und sie gehen – hoffentlich – ein wenig anders nach Hause, als sie gekommen sind.“
Gleichzeitig machte Göhring deutlich: „Natürlich ist ein Konzert kein Gottesdienst und David Bowie war kein Gott.“
Doch Musik, Kunst und Gemeinschaft könnten Orte sein, an denen sich das Leben für einen Moment öffne und Menschen etwas von ihrer Sehnsucht nach einem erfüllten Leben spürten.
Im Mittelpunkt der Predigt stand ein Konzert am 5. Juli 2002 im dänischen Horsens. Göhring stand damals in der ersten Reihe, als Bowie überraschend „Space Oddity“ spielte. Erst Jahre später wurde bekannt, dass dies das letzte öffentliche Mal war, dass der Künstler dieses Lied live sang.
„Ich wusste damals, dass ich einen besonderen Moment erlebte. Aber ich konnte nicht wissen, wie besonders er war“, sagte Göhring. Viele Erfahrungen des Lebens würden erst im Rückblick ihre eigentliche Bedeutung erhalten.
Von dieser persönlichen Geschichte führte die Predigt zur biblischen Erzählung von Jakob in Bethel. Auf der Flucht vor seinem Bruder schläft Jakob an einem unbekannten Ort ein und träumt von der Himmelsleiter.
Gott spricht ihm zu: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.“ Als Jakob erwacht, erkennt er: „Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte gewesen, und ich wusste es nicht.“
„Nicht Jakob findet Gott. Gott findet Jakob“, erklärte der Theologe. Gottes Nähe zeige sich oft dort, wo Menschen sie nicht erwarteten: in einer Begegnung, einem Lied oder einem scheinbar gewöhnlichen Augenblick.
Dabei griff der Pfarrer erneut Bowies „Space Oddity“ auf. Während Major Tom im Lied die Verbindung zur Erde verliere, entdecke Jakob gerade in seiner Einsamkeit die Verbindung zum Himmel.
„Vielleicht berührt mich die Geschichte von Major Tom genau deshalb“, sagte Göhring. „Sie erzählt von der Angst, die Verbindung zu verlieren, zu den Menschen, die wir lieben, zu uns selbst und vielleicht sogar zu Gott.“
Die biblische Botschaft setze dem die Zusage entgegen: „Du kannst dich nie so weit entfernen, dass du für Gott unerreichbar wirst.“
Die Verbindung von Rockkultur und biblischer Botschaft bewegte viele Besucherinnen und Besucher. Melanie Grob aus Kieselbach, die an diesem Abend die Gottesdienstreihe in Immelborn besuchte und selbst viele Konzerte erlebt hat, sagte: „Die Predigt hat mich richtig abgeholt.“
Am Ende führte Thomas Göhring seine persönliche Geschichte mit der biblischen Botschaft zusammen: „Vielleicht war ich damals also gar nicht nur mit David Bowie unterwegs. Vielleicht war ich mit Gott unterwegs und wusste es nicht.“
Nicht, weil David Bowie Gott gewesen wäre, sondern weil diese Wege zu den besonderen seines Lebens gehörten. Seine Musik habe ihn bewegt, gestärkt und begleitet und tue dies bis heute.
Dabei gehe es nicht darum, die schönen Dinge des Lebens gegen den Glauben auszuspielen. „Gott steht nicht in Konkurrenz zu dem, was wir lieben“, sagte der Pfarrer.
Musik, Kunst und besondere Begegnungen könnten Geschenke sein, die Fenster öffnen und Menschen etwas von der Fülle des Lebens erahnen ließen. Zugleich blieben sie begrenzt: Kein Konzert und kein Künstler könnten dem Leben dauerhaft Halt, Sinn und Zukunft geben.
Denn irgendwann ende jedes Konzert. Die Lichter gingen aus, die Bühne wurde leer. Dann zeige sich, was Menschen wirklich trage. So wie Jakob nach seiner Begegnung mit Gott weitergeht: nicht mehr nur als Flüchtender, sondern als einer, dem zugesagt wurde: „Ich bin mit dir.“
Vielleicht liege darin der besondere Segen solcher Augenblicke: Sie nehmen Menschen nicht aus dem Leben heraus, sondern geben neue Kraft für den weiteren Weg. „Unterwegs mit Gott“ zu sein bedeute nicht, ständig außergewöhnliche Erfahrungen zu suchen. Es bedeute, mit der Gewissheit weiterzugehen: Gott ist schon da. Auch an Orten, an denen Menschen ihn zunächst nicht erkennen.
Musikalisch wurde der Gottesdienst von Irene Kraft an der Orgel gestaltet. Die Gemeinde sang unter anderem „Vertraut den neuen Wegen“ und „Ich möchte, dass einer mit mir geht“. Die Lesung übernahm Pfarrer Karl Weber aus Bad Salzungen.
Mit einem bewegenden Gedenken endete der Abendgottesdienst. Die Gemeinde erinnerte in Dankbarkeit an Uwe Nitsche (1959–2026), der den Kirchenkreis über viele Jahre hinweg mitgetragen und geprägt hat. Sein Wirken bleibt vielen Menschen in lebendiger Erinnerung.
Beim anschließenden Imbiss und Getränken blieben viele Besucherinnen und Besucher noch zusammen. Die Gespräche zeigten, dass die ungewöhnliche Verbindung von David Bowie und der biblischen Geschichte von Jakob viele Menschen erreicht hatte.





